Wisch und Weg Scheibenputzer in Berlin
Sie arbeiten unaufgefordert, werden oft nicht bezahlt und von vielen sogar als Plage empfunden: Jeden Sommer zieht es Scheibenputzer aus Osteuropa nach Berlin. Und jedes Jahr werden es mehr.
10. Juli 2010 Die Ampel wechselt auf Rot, und schon steht er da. Für die Autofahrer am Kottbusser Tor ist es das Signal zu stoppen. Für Santino ist es das Zeichen loszulegen. Er zückt seinen Wischer, lächelt schüchtern durch die Windschutzscheibe des blauen Opel und wartet ab. Als die Fahrerin nickt, taucht er den Wischer in den Eimer und säubert die verdreckte Scheibe. Dieses Mal hat er Glück gehabt, er bekommt zwei Euro. Bei der nächsten Rotphase geht er leer aus. Von einem Autofahrer wird er sogar angepöbelt, obwohl er sein Lächeln aufgesetzt hat.
„Es ist immer halb-halb. Manche Leute sind nett, andere böse“, sagt Santino in schlechtem Deutsch. Das Verhältnis der Berliner zu den meist rumänischen Putzkolonnen ist ambivalent. Die einen haben Mitleid und zahlen gerne, andere macht die aufdringliche Art der Scheibenwischer aggressiv. Auch in der Berliner Politik wird wieder darüber gestritten, wie man mit den Wanderarbeitern, die im Frühling nach Berlin kommen und den Punks beim Wischen Konkurrenz machen, umgehen soll. „Bei uns wird eine liberale Politik verfolgt“, sagt Peter Beckers (SPD), Wirtschaftsstadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg. Die Wischer werden geduldet, so lange es keinen Ärger gibt. Peter Trapp von der CDU, Innenausschussvorsitzender im Abgeordnetenhaus, fordert hingegen, dass die Polizei stärker dagegen vorgehen müsse. Die Linke schlägt vor, die Scheibenputzer sollten Gewerbescheine beantragen. Dann könnten sie auf Dauer in der Hauptstadt bleiben. Denn eigentlich ist die Arbeit am Straßenrand laut Straßengesetz illegal.
Wie viel er verdient, will er nicht sagen
Santino ist das egal. Er steht jeden Tag von sieben bis 19 Uhr am Straßenrand. Heute Kottbusser Tor, morgen Kurfürstendamm, übermorgen „Großer Stern“, der Verkehrskreisel an der Siegessäule. Polizisten haben ihn noch nie vertrieben. Wenn ein Polizeiauto in der Schlange vor der roten Ampel steht, hält er sich zurück.
„Wir greifen nur ein, wenn es konkrete Beschwerden gibt, und die haben zugenommen“, sagt ein Polizeisprecher. Die Polizei weiß nicht genau, wie viele Scheibenputzer in der Saison nach Berlin kommen, nur dass es mehr geworden sind und die meisten aus Osteuropa kommen. Santino schätzt, dass er 100 Kollegen hat in Berlin. Wenn die Leute morgens zur Arbeit fahren und abends wieder zurück, verdiene er ganz gut, sagt er, während die Ampel mal wieder auf Grün schaltet. Wie viel genau er verdient, will er nicht sagen.
Seit zwei Jahren verbringt der 20 Jahre alte Roma aus Rumänien die warmen Monate in Berlin. Dieses Mal ist er schon Mitte April gekommen: mit dem Bus, mit der Bahn, zu Fuß. Tagelang, mit seinen Cousins. Die drei ähneln sich, tragen abgewetzte Jeans, alte Turnschuhe. Die Strähnen der schwarzen Haare hängen in ihr Gesicht. Santino hat einen wachen, frechen Blick, sein älterer Cousin Pepe guckt böse, der jüngste, Goldi, jugendlich unbekümmert. Die Familie übernachtet im nahegelegenen Görlitzer Park. „Bis die Polizei uns morgens rausschmeißt.“
Sein ärmliches Aussehen ist sein Kapital
Die Ampel springt auf Rot. Jetzt bedeutet jede Sekunde bares Geld. Santino fängt mit dem ersten Auto in der Schlange an. Pepe nimmt sich den Mercedes danach vor. Dieses Mal schaffen die beiden vier Autos. Goldi, vielleicht 14 Jahre alt, schaut zu, er soll erst mal lernen. Santino ist flink. Seine Masche: Mitleid erwecken. Nicht seine Ausrüstung, also Wischer und Eimer, ist sein Kapital, sondern sein Lächeln, sein ärmliches Aussehen, seine traurigen Augen. Santino weiß, wann er traurig schauen muss und wann fröhlich.
Wie viele Scheiben sie sauber machen können, hängt davon ab, wie die Ampeln geschaltet und wie die Autofahrer gelaunt sind. Und vom Wetter. Regen bedeutet für Santino nicht nur eine nasse Nacht, sondern auch: kein Geld. „Dieses Jahr ist sehr schlecht gelaufen.“ Als es anfängt zu nieseln, flucht er kurz in seiner Sprache. Als nach ein paar Minuten der Regen aufhört, knipst Santino wieder sein Lächeln an und wartet auf das nächste Rot. Sein älterer Cousin sagt nichts. Wenn der Verkehr still steht, scheinen die Vettern unter Druck zu stehen, als ob sie beobachtet würden, wie gut sie arbeiten. Wird er von irgendjemandem zu der Arbeit gezwungen? „Nein, nein“, sagt Santino. „Die Arbeit wird nur . . . organisiert.“
Die Berliner sprechen von einer „Wischmafia“. Dass die Putztrupps mafiöse Strukturen haben, möchte die Polizei nicht bestätigen. „Die Menschen verlassen ihr Land, da sie aufgrund von Ausgrenzung und Diskriminierung keine Existenzmöglichkeit in Sicherheit und Würde für sich sehen“, sagt Hamze Bytytci, Vorsitzender des Sinti-und-Roma-Vereins „Amaro Drom“. „Das geht vielen osteuropäischen Roma so, nicht nur den rumänischen.“
Scheiben ohne Aufforderung gewischt
Die meisten Scheibenwischer arbeiten in den Bezirken Mitte und Kreuzberg. Neuerdings wagen sie sich aber auch immer weiter in den Westen. Zum Beispiel an den oberen Kurfürstendamm. Während der Vortag am Kottbusser Tor für Santino mäßig verlaufen ist, sieht es am Adenauerplatz am Ku’damm besser aus: Der Himmel ist klar, kein Regen in Sicht. Santino sprüht die Windschutzscheibe mit Reiniger ein und wischt den Schaum in großen Bögen ab. Er ist schnell, aber nicht schnell genug. Die Ampel zeigt schon wieder Grün, die zum Kassieren aufgehaltene Hand steckt noch im BMW, andere Autos hupen. Der Fahrer gibt Gas, Santino bleibt zurück mit leerer Hand.
Er ist sauer. „Belästigen tue ich aber niemanden.“ Wenn Santino auf Ablehnung stößt, läuft er weiter, zum nächsten Auto. Sein Cousin verhält sich rabiater. Aufhalten kann ihn nur der automatische Scheibenwischer eines Autos oder sich in Gang setzende Wagen. Immer wieder hakt Pepe nach und beginnt manchmal, auch ohne Aufforderung die Scheibe zu wischen. Dann beschweren sich die Autofahrer, manche schimpfen wüst. „Hör uff, hör uff“, ruft einer und gibt Santinos Cousin am Ende dann doch noch Kleingeld.
Wegen Leuten wie Pepe haben die Saubermänner aus Rumänien ein Imageproblem. Vergangenes Jahr ging die Senatssozialverwaltung sogar so weit, jedem Roma, der sich schriftlich zur Ausreise aus Deutschland verpflichtete, 250 Euro zu zahlen. Insgesamt wurden 27 000 Euro ausbezahlt. Santino findet die Regelung nicht gut, er hat das Geld nicht angenommen. Insgesamt ist er aber nicht unzufrieden mit seiner Situation hier. Er verdient Geld, das seine Eltern und Geschwister in Rumänien bitter nötig haben. Ob er sich irgendetwas von Berliner Politikern wünsche? Anerkennung? Respekt? Santino lächelt: „Die Ampeln sollen länger rot sein.“
(Erschienen in der F.A.Z., Ausgabe vom 15.07.2010) |